Kontrast umkehren

Mr. Bird

Installation, Skulptur, Malerei und Zeichnung
02. September - 08. Oktober 2023
Harry Hachmeister und Jonas Monka, Berlin/Düsseldorf
Harry Hachmeister, Zwei Wolken, 2021
A00121
Mr. Schaukelpferd
Harry Hachmeister, Hard Softie II (gelb), 2018
Harry Hachmeister, Von Disko zu Disko, 2022, Installationsansicht
Harry Hachmeister, Von Disko zu Disko, 2022, Installationsansicht
Jonas Monka, LOU A00120 Phallus II und III, 2019
Jonas Monka, LOU A00120 Poster I
Jonas Monka, LOU A00120 Poster I
Jonas Monka, work in progress
Harry Hachmeister, Von Disko zu Disko, 2022, Installationsansicht

Mr. Bird ist die erste gemeinsame Ausstellung des in Niedersachsen geborenen Jonas Monka aus Düsseldorf und des an der HKS lehrenden Professors Harry Hachmeister aus Berlin. Sie verbindet nicht nur eine ähnliche trans Biografie, sondern auch ein künstlerisches Interesse an Körpern und deren Zuschreibungen. Für die Recherche zur Ausstellung im Kunstverein Rotenburg reisen die beiden nach San Francisco, um sich mit dem schriftlichen Nachlass von Lou Sullivan zu beschäftigen. Von dem amerikanischen Autor, trans Aktivist und Vogelliebhaber erschien 2019 das Buch WE BOTH LAUGHED IN PLEASURE, the selected diaries of Lou Sullivan 1961-1991, welches Auszüge aus seinen umfangreichen Tagebüchern enthält. Diese Texte behandeln aus einer besonderen Perspektive (Sullivan war mutmaßlich der erste trans Mann, der sich öffentlich als schwul definierte) sehr universelle Themen wie Leben, Körper, Selbst- und Fremdwahrnehmung, Sex, Vergänglichkeit und Tod. Das meiste Material blieb jedoch unveröffentlicht und steht im Archiv der GLBT Historical Society in San Francisco für Recherchezwecke zur Verfügung. Ausgehend von diesem Material und den eigenen Erfahrungen als transmännliche Personen entwickeln Monka und Hachmeister skulpturale Arbeiten, die in verschiedenen, extra für den Kunstturm konzipierten Rauminstallationen aufeinandertreffen. Der Ausstellungstitel bezieht sich auf Mr. Bird, den Vogel von Lou Sullivan.

Harry Hachmeister verhandelt die Themen seiner Kunst in interdisziplinären Arbeiten, die medial von Fotografie über Zeichnung und Malerei bis hin zu Keramik reichen. Oft gruppiert er die einzelnen Werke zu raumgreifenden Installationen, die auf Zustände des nicht mehr und noch nicht ganz verweisen. Wandlungsprozesse, Provisorien und Zwischenstadien bilden dabei die Ausgangspunkte für Hachmeisters künstlerische Bearbeitung von (Geschlechts-) Identitäten, Körpern sowie deren Zuschreibungen. Aus dem kalten und ernsten Fitnesskontext entlehnte Hanteln und Gewichte werden verspielte Keramikobjekte in amüsanten Formen, die, zum Teil auch etwas erschöpft oder geknickt, dabei immer farbenfroh und manchmal sogar glitzernd, zum Befühlen einladen. Die sonst eher beschaulichen Motive der volkstümlich-religiösen Hinterglasmalerei sind bei Hachmeister lustvoll und queer. Seine Körper fühlen sich nicht ihrer vorgesehenen Bestimmung verpflichtet, sondern schaffen durch Ambivalenz, Zartheit und Spiel eine Loslösung von der normativen Wirklichkeit.

Wiederkehrendes Thema Jonas Monkas Installationen sind die Auseinandersetzung mit den komplexen Beziehungen zwischen Körpern und den Systemen, in denen sie sich befinden. So stellen die Skulpturen, Objekte, Architekturen, Filme, Fotografien und Performances immer wieder Beziehungen zwischen einander her und werden bei Neuzusammensetzungen, beziehungsweise Kontextverschiebungen entscheidend modifiziert. Ein Schwerpunkt dabei ist auch das Spiel mit Genderzuschreibungen, indem binäre Kategorien von Geschlecht durch queere Perspektiven und Haltungen hinterfragt werden. So zum Beispiel die Arbeit InV00219. Basierend auf einem gefundenen Interview mit einer Sexarbeiterin werden im Video der mehrteiligen Arbeit Geschlechterrollen und damit verbundene gesellschaftliche Zuschreibungen dekonstruiert. Die ursprüngliche weibliche Sexarbeiterin wird zu einem Sexarbeiter, der über seine Arbeit und seinen Blick auf Gesellschaft spricht. Wie sich Machtstrukturen und politische Systeme physisch in Architektur, Raum und Körper manifestieren, wird in der Arbeit A00121 deutlich. Die mehrteilige Installation thematisiert komplexe Probleme zwischen Hyperkapitalismus, Körperempfinden und sozialer Verantwortung.

Termine

31. August 2023, 19:00 Uhr
Ausstellungseröffnung

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